Ernährung: Bio-Lebensmittel kaum gesünder als normale Produkte

Posted By on 15. April 2014

Es ist nicht lange her, da hatte das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) eine gute Nachricht für den Verbraucher: Wo „Bio“ draufsteht, ist auch „Bio“ drin. Selbst bei dem immer breiter werdenden Angebot an Bioprodukten in Supermärkten und Discountern könne sich der Verbraucher auf die Kennzeichnung als Bio-Lebensmittel verlassen, so das Fazit des LGL nach einer Langzeituntersuchung von etwa 1600 Lebensmitteln aus ökologischem Anbau.

Auch eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung ergab, dass der Verbraucher offenbar großes Vertrauen in Bioprodukte hat. Demnach kaufte 2009 nahezu jeder Haushalt (94 Prozent) Bio-Lebensmittel und gab im Schnitt dabei 84 Euro aus. Mit „Bio“ verbinden die meisten Menschen aber nicht nur eine artgerechte Tierhaltung. Sie glauben ebenso, so ein Umfrageergebnis von Ernst & Young, damit ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun.

Diese Annahme haben Studien bisher jedoch kaum belegen können. Nun stärken US-Forscher eine Erkenntnis, die viele Anhänger von Bioprodukten enttäuschen dürfte: Nach einer Übersichtsstudie sind Bio-Lebensmittel kaum gesünder als konventionelles Essen.

Durchsicht aller bisher veröffentlichten Daten

Die Wissenschaftler von der Stanford University in Kalifornien fanden nach Durchsicht aller bisher veröffentlichten Daten zu dem Thema keinen deutlichen Nachweis dafür, dass biologische Lebensmittel nährstoffreicher sind oder ein geringeres Gesundheitsrisiko bergen. Eines könne aber „Bio“ dennoch, schreiben die Forscher im Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“: Bio-Essen verringert demnach das Risiko, Pflanzenschutzmittel zu sich zu nehmen.

Tausende Studien sichtete das Team um Dena Bravata. Schließlich wählten die Wissenschaftler 223 Untersuchungen aus, die entweder den Nährstoffgehalt oder die Belastung mit Bakterien, Pilzen oder Pestiziden verglichen. 17 Studien – darunter sechs randomisierte klinische Versuche – betrachteten außerdem Gruppen, die sich biologisch oder herkömmlich ernährten. Das Problem: Eine Langzeitstudie, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen der Ernährungsweisen beschäftigt, war nicht darunter. Die Untersuchungszeiträume betrugen zwei Tage bis zwei Jahre.

Einen wirklichen Vorteil für Bio-Lebensmittel konnten die Forscher nach der Analyse der Studienlage nicht ausfindig machen: Der Vitamingehalt, so ein Fazit der Übersichtsstudie, unterschied sich kaum. Fette und Proteine waren ebenso ähnlich verteilt. Und selbst Krankheitserreger kamen in keiner der beiden Gruppen häufiger vor. Auch die Suche nach besonders gesunden Bio-Früchten oder Bio-Gemüse blieb erfolglos. „Wir waren ein bisschen erstaunt, dass wir nichts gefunden haben“, sagte einer der Autoren, Crystal Smith-Spangler laut einer Mitteilung der Stanford University.

Gesundheitliche Nutzen nur schwer nachweisbar

Andere überrascht das weniger. Denn selbst wenn der Vitamingehalt in den Bioprodukten höher gewesen wäre, wäre dies noch kein Beweis dafür gewesen, dass Bioprodukte generell gesünder sind: Um diese These wissenschaftlich belegen zu können, müsste sich eine große Menschengruppe ausschließlich mit Bioprodukten ernähren, eine andere müsste dieselben Produkte aus konventioneller Landwirtschaft essen.

Um die Ergebnisse nicht zu verzerren, müssten sich die Mitglieder beider Gruppen außerdem annähernd gleich verhalten, was etwa Rauchen und Bewegung angeht. Und selbst dann wären Unterschiede bei der Gesundheit, die sich meist erst nach Jahren zeigen, nicht direkt auf die Bioprodukte zurückzuführen, da auch genetische Anlagen eine Rolle spielen. Kurz gesagt: Einen direkten Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und der Gesundheit nachzuweisen, ist beinahe unmöglich.

Trotzdem viele Argumente für den Bio-Einkauf

Auch bei den niedrigeren Pestizidgehalten der Bioprodukte ist nicht klar belegt, dass sie der Gesundheit nutzen: Zwar können manche Pestizide das Krebsrisiko steigern – allerdings in viel höheren Dosen, als sie in der Regel auf Obst und Gemüse zurückbleiben. Verordnungen regeln genau, wie viele Pestizidrückstände Lebensmittel enthalten dürfen, um die Gesundheit nicht zu gefährden. Selbst wenn der Höchstwert überschritten werde, müsse dies nicht bedeuten, dass der Rückstand ein Risiko für den Verbraucher darstelle, erklärt Nele Boehme vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Zu groß sind die Puffer nach oben.

Uneinig sind sich die Forscher jedoch noch darüber, welches Risiko von Rückständen mehrerer Pestizide auf einem Lebensmittel ausgeht. Ähnlich verhält es sich mit Antibiotika: Zwar scheint es, als würden Bio-Hühner und -Schweine weniger Antibiotikaresistente Bakterien aufweisen. Was das für die menschliche Gesundheit bedeute, sei allerdings unklar, berichten die Forscher.

Ihre Studie, das betonen die Wissenschaftler, sei jedoch keinesfalls dazu gedacht, den Verbraucher von Bio-Lebensmitteln abzubringen. Man wolle lediglich aufklären. Und schließlich kauften viele Menschen biologische Produkte wegen des Geschmacks, der Tierhaltung oder der Folgen konventioneller Landwirtschaft für die Umwelt, so Bravata.

„Die Gesundheit ist nicht unser Hauptkampffeld“, sagt auch Gerald Wehde, Sprecher des Anbauverbands Bioland. Kernziel der Öko-Landwirtschaft sei es vielmehr, die Umwelt zu erhalten. „Gewässerschutz, Klimaschutz, Artenschutz, Bodenqualität – da erbringen wir eine große ökologische Leistung.“

Artikel-Quelle: http://www.spiegel.de